Melodie&Rhythmus "Antifaschismus&Musik" (03/2015)

Verlag Verlag 8. Mai
Art.Nr. 444697
4,90€
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Schwerpunkt: Antifaschismus&Musik.

Ganz im Zeichen des 70. Jahrestages der Befreiung vom Nazifaschismus soll diese Ausgabe von M&R stehen. 8. Mai – der Name des Verlagshauses, in dem das Magazin erscheint, verpflichtet. Vor allem aber das Gedenken an die Millionen, die Opfer der Barbarei geworden sind, und die Ungezählten, die sich ihr entgegenstellten. Der Kampf wird weitergehen, solange alle die, die viel über den Faschismus reden, beharrlich vom Kapitalismus schweigen. Die Militanz international organisierter Neonazi-Netzwerke, des Rechten Sektors und des NSU, die Feindseligkeit gegen die bei uns Schutz suchenden Flüchtlinge, die Anschläge auf ihre Unterkünfte direkt vor unserer Haustür führen uns vor Augen, dass wir vor großen Herausforderungen stehen.

Antifaschistischer Widerstand kann sehr kreativ sein. Das haben nicht zuletzt bedeutende Tonkünstler bewiesen: Schostakowitsch, Dessau, Henze. Aber nicht nur Komponisten – auch die Kämpfer: Die jüdischen Partisanen von Vilnius, deutsche Kommunisten und Internationale Brigadisten im roten Madrid haben eine reiche Musikkultur hinterlassen. Wer am 8. Mai Befreiung als Imperativ denkt (weil er weiß, dass die befreite Gesellschaft ein Lebensraum ist, den es erst noch herzustellen gilt), der begreift Vergangenheit nicht als tote und verbannt sie nicht in die Sarkophage bürgerlicher Historiographie. Im Gegenteil: Er lässt sie nicht ruhen. Auf der Ebene der Musikkunst und -kultur heißt das, Sinfonien, Opern, Kantaten, die von Verfemung und Verfolgung erzählen, bei jeder Gelegenheit wieder zu Gehör zu bringen, die Hymnen und Lieder der antifaschistischen Kämpfer zu rezitieren und sich ihre Dignität immer wieder bewusst zu machen. Erinnerung sei ein lebendiger Akt der Rettung, so Walter Benjamin. Ihre Aufgabe sei, sich verflüchtigende Bilder und Töne festzuhalten und die Tradition der Unterdrückten gegen die Geschichte der Sieger zu verteidigen: »Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein«, ist in seinen »Geschichtsphilosophischen Thesen« zu lesen.

Das gilt heute vielleicht mehr denn je. Wenn vom Großmacht- und Profitstreben des (deutschen) Kapitals beseelte Politiker mit ihren Meinungsmachern im Namen der im Holocaust Ermordeten dafür plädieren, wieder mehr »internationale Verantwortung« zu übernehmen und »auch zu den Waffen zu greifen« – natürlich nur für die »gute Sache« der Wahrung der »Menschenrechte«, versteht sich –, dann darf das nicht ohne Protest über die Bühne gehen. Die Lügen der Meinungsmacher müssen entlarvt werden, auch auf kultureller Ebene. Wenn die Kulturindustrie den Antifaschismus-Begriff trivialisiert, entleert und postmoderner Beliebigkeit ausliefert, »Antifa« zum Label, die Parole »gegen Nazis« zum Werbeslogan degradiert, dann ist es Aufgabe eines kritischen Musikmagazins, schonungslos Aufklärung zu leisten. Allemal, wenn Musiker dem Schlachtruf neoliberaler Ideologen, »Antifa heißt Luftangriff«, folgen, sich als Troubadoure der »freien Welt« samt ihrer Expansionskriege andienen und antikapitalistische Kämpfe diffamieren. In dieser Ausgabe von M&R wird dazu einiges zu lesen sein.

»Die Faschisten verwenden Musik, um über die Wirklichkeit hinwegzutäuschen und aus ihr zu flüchten; für uns ist sie ein Kampfmittel, das uns in unserem gerechten Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung helfen und stärken soll, und ein Lehrmittel der richtigen Methoden dieses Kampfes«, notierte Hanns Eisler 1935. Wir meinen, nicht nur antifaschistische Musiker und Komponisten sollten diese Erkenntnis beherzigen, sondern auch antifaschistischer Musikjournalismus.

Susann Witt-Stahl
Chefredakteurin M&R