Autoren wider den Zeitgeist
jw-Shop-Spezial
 (7)

 Im postjugoslawischen Raum

Miljenko Jergović - In seinen fulminaten Romanen sucht er nach Vergangenheit und Zukunft auf dem Balkan


Steckbrief:

Miljenko Jergović, geboren 1966 in Sarajevo, studierte Philosophie und Soziologie an der dortigen Universität. Er ist Mitbegründer der "Group 99". Jergovic berichtete unter anderem für die Zagreber Wochenzeitung "Nedeljna Dalmacija" aus dem belagerten Sarajevo und war dort auch Redakteur beim Fernsehen. Seit seinem 25. Lebensjahr publiziert er eine ungebrochene Reihe von Romanen, Gedichten und Dramen, schreibt aber auch als Kolumnist zu politischen Themen für Zeitungen in Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien. Seit 1993 lebt er als freier Schriftsteller in Zagreb und ist als politischer Kolumnist für verschiedene kroatische und internationale Zeitungen tätig.

Würdigung in 1000 Zeichen:


Miljenko Jergović gehört ganz zweifellos zu den wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellern des exjugoslawischen Raumes. Der Dichter und Journalist setzt sich hauptsächlich mit Figuren und Ereignissen aus dem untergegangenen jugoslawischen Vielvölkerstaat auseinander: Eine Vermessung Jugoslawiens und seiner widersprüchlichen Geschichte des 20 Jahrhunderts, die z.B die grausame Vergangenheit Kroatiens als faschistisches Vasallenregimes nicht ausklammert und sich auf die Suche nach den Quellen und Ursachen von Nationalismus und Rassismus begibt. Dabei ist die Auslotung individueller und kollektiver Identitäten für Jergović zentral. Unverhohlen seine Abneigung gegen religiös geprägten Nationalismus und Chauvinismus. Wer die blutigen jugoslawischen Sezessionskriege besser verstehen will, dem sei z.B. der fulminante Roman „Das Walnusshaus“ empfohlen. Nicht unerwähnt bleiben darf schließlich Jergovićs hintersinniger Humor, der seinen Blick auf die Welt und die Figuren in seinen Büchern so unverwechselbar macht.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Michael Mäde


Bücher von Miljenko Jergović
 

 (6)

Der Wortakrobat Wiglaf Droste- Schwerstarbeiter im Steinbruch der Sprachkritik





Steckbrief





Wiglaf Droste ging nach dem Besuch des Gymnasiums 1983 von Westfalen nach Berlin. Ein Studium der Publizistik und Kommunikationswisschenschaften brach er bald wieder ab und arbeitete bis 1985 in diversen Aushilfsjobs. Anschließend schrieb er Beiträge für das Spandauer Volksblatt, das Berliner Stadtmagazin tip und die taz. 1987 arbeitete er für kurze Zeit in einer Düsseldorfer Werbeagentur. Wieder zurück in Berlin war er bis Mitte 1988 als Redakteur der taz-Medienseite tätig, ab den 1990ern bis 2006 dann als Freier Mitarbeiter für deren Satire-Seite die Wahrheit. Seit Dezember 2010 schreibt Wiglaf Droste beinah täglich in der Tageszeitung junge Welt. 1989 trat Droste erstmals als Buchautor in Erscheinung. Dem folgten eine große Zahl von Buchpublikationen. Seit 1989 unternimmt er Lesereisen und wurde dabei mehrfach von der Thüringer Punk-Rock-Band „Geile Götter“ begleitet. Ab 2000 tritt er auch als Sänger mit der Chanson-Jazz-Band Spardosen-Terzett auf.Im Februar 2009 übernahm Droste für sechs Monate das Amt eines Stadtschreibers im brandenburgischen Rheinsberg. 2003 wurde ihm für seine ›Verbindung aus grobem Ton und feinem Stil‹ der Ben-Witter-Preis verliehen, 2005 der Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. 2009 war er Stadtschreiber zu Rheinsberg.



Würdigung in 1000 Zeichen

Wiglaf Droste ist nicht nur ein Satiriker und gefürchteter Polemiker, was ihm schon zu einigem Ärger verholfen haben mag. Er ist vor allem ein Schwerstarbeiter im Steinbruch der Sprachkritik. Kaum ein anderer Autor hierzulande klopft Sprache so auf ihre mannigfaltige Bedeutung ab, entwickelt aus Sprachkritik, Kritik an den neoliberalen Gepflogenheiten der alltäglichen Kommunikation. Dabei wird er gelegentlich grob, gar verletzend für den einen oder anderen Zeitgenossen.Aber neben den Grobheiten finden sich wunderbar scharfsinnige Beobachtungen und ein geschliffener Stil, der Seltenheitswert im deutschen Sprachraum beanspruchen kann. Droste ist Skeptiker, Dialektiker und - nur dürftig verhohlen – ein wirklicher Humanist. In seinen Satiren und Alltagsbeobachtungen schimmert manchmal eine Traurigkeit durch, die einem ans Herz greifen muss, so man denn noch eines hat. Wir, die junge Welt haben Droste täglich im Blatt. Gelegentlich – auch für mich- ein Ärgernis – meistens ein wirkliches Vergnügen. Also: Salut Droste!



Michael Mäde

Bücher von Wiglaf Droste

 


(5) Jutta Ditfurth

Scharfe Polemikerin

Die Publizistin Jutta Ditfurth


Steckbrief



Jutta Ditfurth,1951 in Würzburg geboren, ist Autorin von politischen Sachbüchern, Drehbüchern und Romanen. Sie studierte Soziologie, Politik, Kunstgeschichte, Wirtschaftsgeschichte und Philosophie in Heidelberg, Hamburg, Freiburg, Glasgow/Großbritannien, Detroit/USA und Bielefeld. Nach ihrem Abschluss 1977 als Diplomsoziologin, arbeitete sie als Sozialwissenschaftlerin in Forschung und Lehre an den Universitäten Freiburg, Bielefeld und Marburg. Seit 1980 ist sie hauptsächlich als Journalistin und Autorin für Printmedien und Runkfunk tätig. Ditfurth war Mitgründerin der Grünen und von 1984 bis 1988 deren Bundesvorsitzende, sowie 1981 bis 1985 Stadtverordnete im Frankfurter Römer. 1991 trat sie aus den Grünen aus und gründete die ökologische Linke mit. Seit 2001 und wieder seit 2011 vertritt sie die Wählervereinigung ÖkoLinX-Antirassistische Liste als Stadtverordnete im Frankfurter Römer. Seit 1970 ist sie aktiv in der außerparlamentarischen Linken.


Würdigung in 1000 Zeichen

Von Jutta Ditfurth ist bekannt, dass sie keinen guten Streit aus dem Weg geht (Warum auch, aus produktivem Streit lässt sich viel lernen. )Ihre scharfen Polemiken sind bei Ihren Gegner gefürchtet. Jutta Ditfurth ist allerdings auch eine hervorragende Autorin. Ihre Biografie von Ulrike Meinhof hat Maßstäbe gesetzt. Ihr Buch „Entspannt in die Barbarei“, empfehle ich immer sehr gern als Einstieg zur antiesoterischen Alphabetisierung. Und die ist – nach wie vor dringend geboten. Jutta Ditfurth schrieb in ihrem 1995 erschienenen Buch „Was ich denke“ :“Soziale Utopie ist, einen Zustand zu erreichen, in dem die Forderung nach sozialer Gleichheit überflüssig wird, weil der Mensch, der alle Möglichkeiten hat, sich in einem Gemeinwesen zu entfalten, unter Berücksichtigung dessen, was gesellschaftlich notwendig ist, zum Beispiel, die Natur zu erhalten, nicht einem anderen gleich sein muß, sondern individuell so unterschiedlich sein kann, wie sie und er will.“ Das ist im Kern, nicht nur ein emanzipatorisches Credo, sondern muss Ziel jeder revolutionären Politik sein.

Michael Mäde


Bücher von Jutta Ditfurth im jW-Shop

 
(4)                                                                                       

»Mein Land geht in den Westen«

Illusionslos den Bruch beschrieben: Volker Brauns Auseinandersetzung mit der DDR und ihrem »Anschluss« an die BRD



                     

Steckbrief:

Volker Braun wurde 1939 in Dresden geboren. Nachdem er sich nach dem Abitur vergeblich um einen Studienplatz bemüht hatte, arbeitete er von 1957 bis1960 in einer Druckerei in Dresden, beim Tiefbau-Kombinat Schwarze Pumpe und absolvierte einen Facharbeiterlehrgang im Tagebau Burghammer. Von 1960 bis 1964 studierte er dann Philosophie in Leipzig und zog nach dem Ende des Studiums nach Berlin, wo er bis 1966 als Dramaturg am Berliner Ensemble arbeitete. Nach einigen Jahren am Deutschen Theater Berlin arbeitete er von 1977 bis 1990 erneut am Berliner Ensemble. Im Wintersemester 1999/2000 erhielt er die Brüder-Grimm-Professur an der Universität Gesamtschule Kassel. Braun erhielt zahlreiche Preise, unter anderen den Büchner-Preis im Jahr 2000 und den ver.di-Literaturpreis 2007. Volker Braun lebt heute in Berlin.

Würdigung in 1000 Zeichen:

„Der Sommer ist vor der Tür/Die helleren Zeit./Und starr noch/Blüht alles, die Gedanken./Wie wenig frei/ Gehn wir aus uns,und hängen/In unsern Häusern./Und was sind das für Genossen/Ungleich selbst, und dulden die Räubereien/Hinter den Meeren/Oder Preußens Pfützen.“ Diese Zeilen aus dem Gedicht „Ist es zu früh.Ist es zu spät (Für Thomas Müntzer) „ finden sich in dem 1976 erschienen Band „ „Training des aufrechten Ganges“ Ein in dieser Zeit geradezu programmatischer Titel. Der Dichter Volker Braun hat die Mängel und Irrwege der späten DDR dialektisch analysiert und kritisch begleitet. Und er hat 1990 – illusionslos – den Bruch beschrieben, der mit dem Anschluß der DDR an die BRD vollzogen wurde: „Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen./KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN“ (Das Eigentum). 2011 hat Braun das Motiv der Bauernerhebungen in seinem Buch „Die hellen Haufen“ wieder aufgegriffen und es verbunden mit den Arbeitskämpfen, die 1992 u.a.in Bischofferode ausgetragen wurden. Eine auf Geschichte gegründete Utopie. Bei alledem hat Volker Braun seinen wunderbar verschmitzten Humor nicht verloren. In seiner Rede zum Zukunftskongress der LINKEN im April 2015 klingt das dann so: „Wann kommt denn nun dein Kommunismus? Der kommt nie. Vielleicht dass wir gehen?“.
Michael Mäde


Bücher von Volker Braun im jW-Shop
 
(3)

Die Welt jagt nicht zum Besseren


Der Soziologe und Autor Moshe Zuckermann




Steckbrief:

Moshe Zuckermann, wurde 1949 als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv geboren. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Deutschland, Frankfurt am Main, wo Zuckermann auch studierte. Mit 21 Jahren kehrte er nach Israel zurück.

Zuckermann ist Soziologe und Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Von 2000 bis 2005 leitete er dort das Institut für Deutsche Geschichte. Er war wissenschaftlicher Leiter der Sigmund Freud Privatstiftung in Wien.

Moshe Zuckermann ist Autor zahlreicher Bücher, darunter »›Antisemit!‹ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument« (2010) und »Sechzig Jahre Israel. Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus« (2009), zuletzt erschienen ist »Israels Schicksal. Wie der Zionismus seinen Untergang« betreibt. Promedia, Wien 2014.

Würdigung in 1000 Zeichen:

Moshe Zuckermann ist den Lesern der jW kein Unbekannter, seine scharfsinnigen politischen Analysen, nicht nur bezogen auf den Nahen Osten sind unverzichtbar für diese Tageszeitung. Seit jüngster Zeit bereichert er regelmäßig mit seinen kulturkritischen Anmerkungen auch die Musikzeitschrift Melodie und Rhythmus. Zuckermanns kulturkritisches Denken manifestiert sich u. a. in seiner Rezension unter dem Titel »Apologet der Herrschaft«, die er in dieser Tagezeitung zu Domenico Losurdos zweibändiger Nietzsche-Biographie veröffentlichte (jW vom 16.10.2009). Wer Spaß am kritischen Denken hat, wird mit den Büchern »Kunst und Publikum« und »Zeit der Lemminge« bestens bedient. Nicht zuletzt mit den beiden Bänden »Wider den Zeitgeist«, die der kleinen Reihe dieser Beilage den Titel gaben und im Laika Verlag erschienen sind, gewinnt man Einblick in eine angewandte, materialistisch-dialektische Denkweise, die helfen kann, diese nicht zum besseren jagende Welt zu verstehen. Es bleibt zu hoffen, dass wir uns bald wieder auf ein neues Buch dieses brillanten Autors freuen können. (MM)

Foto: Christian Ditsch

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(2)

Dialektisches Vergnügen
Der Dichter Dietmar Dath 
 

► Steckbrief:
Dietmar Dath, Dietmar Dath (Foto: Sabine Peters)1970 geboren in Rheinfelden (Baden) ist Autor und Übersetzer. Seit 1990 veröffentlichte er eine Vielzahl literarischer und journalistischer Texte. Von 1998 bis 2000 war er Chefredakteur des Popkultur-Magazins Spex und von 2001 bis 2007 Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2011 ist Dath zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung zurückgekehrt, seither arbeitetet er dort als Filmredakteur.
Seit 1995 erschienen etwa fünfzehn Romane, darunter »Dirac« (2006), »Die Abschaffung der Arten« (2008) und »Sämtliche Gedichte« (2009/alle Suhrkamp). Außerdem veröffentlichte Dath Bücher und Essays zu wissenschaftlichen, ästhetischen und politischen Themen, so die Streitschrift »Maschinenwinter« (2008) und die »BasisBiographie Rosa Luxemburg« (2010) sowie zusammen mit Barbara Kirchner »Der Implex« (2012). Zuletzt erschienen »Klassenkampf im Dunklen« (2014). Anfang März 2015 erscheint im Eulenspiegel Verlag schließlich »Deutsche Demokratische Rechnung – Eine Liebeserzählung«.

► Würdigung in 1000 Zeichen:
Dietmar Dath ist ohne Zweifel, (es tut mir leid, liebe Kolleginnen und Kollegen alle) der universellste Schriftsteller seiner Generation hierzulande. Dies liegt weniger an seiner schier unheimlichen Produktivität, sondern einer seltsamen »Talentverschränkung« von unerhörter gedanklicher Disziplin, überbordener Phanatasie und einer (auch naturwissenschaftlichen) Bildung, mit dem der Mann eine Menge zu beginnen weiß. Dass bei der Romanproduktion gelegentlich mal die eine oder andere Figur im Gewebe futuristischer Geschichte beinah abhanden kommt: geschenkt. Wer Interesse hat, Daths Denkart kennzulernen und Spaß an angewandter Dialektik hat, dem empfehle ich zunächst sein Vorwort zu Lenins »Staat und Revolution« (erschienen im Laika Verlag) zu lesen, und dann vielleicht noch sein Nachwort zu den Maßgaben der Kunst von Peter Hacks (erschienen bei Suhrkamp 2010). Für Lust auf mehr, gibt es unten einige (wenige) Vorschläge. Dem Dichter und Denker Dietmar Dath aber sei mit Michail Schatrow zugerufen: »Weiter, weiter, weiter!« Das ist der Titel eines Theaterstücks über die Widersprüche der kommunistischen Bewegung mit Lenin als zentraler Gestalt. Das passt dann eben und nicht nur irgendwie.

(Foto Sabine Peters)

► Bücher von Dietmar Dath im jW-Shop
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Geschichte in Geschichten
Der sachkundige Erzähler Erich Hackl ist nicht nur Chronist, sondern auch Poet 

 

► Steckbrief:
Erich  Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und als Lehrer und Lektor gearbeitet. Heute lebt er als freier Schriftsteller, Publizist und Übersetzer in Madrid und Wien. Werke: »Die Hochzeit von Auschwitz. Eine Begebenheit«, »Als ob ein Engel. Erzählung nach dem Leben«, »Familie Salzmann. Erzählung aus unserer Mitte, »Dieses Buch gehört meiner Mutter« (2013).

► Würdigung in 1000 Zeichen:
Erich Hackl ist dem aufmerksamen junge-Welt-Leser kein Unbekannter. Ich erinnere mich sofort an den sowohl informativen als auch einfühlsamen Text über den Spanienkämpfer Hans Landauer (1921–2014) unter dem Titel »Abschied von einem Freund« (jW vom 26.7.2014)
Hackl  ist vielleicht der Chronist der deutschen Gegenwartsliteratur. Seinen Erzählungen, mittlerweile in mehr als 20 Sprachen übersetzt, liegen authentische Fälle zugrunde, die Lebensläufe politisch Verfolgter, Biographien von Kämpferinnen und Kämpfern gegen Faschismus, ob in Spanien, Deutschland oder Argentinien zu Zeiten der Militärjunta werden dem Vergessen entrissen.
Hackls spachliche Präzision, sein Einfühlungsvermögen für die Figuren und ihre Eigenheiten lassen ein lebendiges Bild von Geschichte entstehen. Geschichte als Geschichten von faschistischem Terror und Widerstand. Dabei ist der sachkundige Erzähler Hackl nicht nur schlechthin Chronist, sondern Poet. Das macht seine Bücher so einzigartig.

(Foto: Pedro Timon Solinis)

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