DVD "Losgelöst von allen Wurzeln …"

Verlag Verlag 8. Mai
Art.Nr. 768356
9,90€
Menge
 
Eine Wanderung zwischen den jüdischen Welten.

Mit Esther Bejarano, Moshe Zuckermann und Rolf Becker.

Er war aus Tel Aviv eingeflogen, sie aus Hamburg angereist. Anlass war eine ganz besondere, erstmalige Begegnung zweier Generationen jüdischer Linker: Am 20. Oktober trafen sich die Musikerin Esther Bejarano, Jahrgang 1924, und der Historiker Moshe Zuckermann, Jahrgang 1949, in Berlin. »Losgelöst von allen Wurzeln …« lautete der Titel der zwei Gesprächsveranstaltungen, zu denen M&R das ehemalige Mitglied im Mädchenorchester von Auschwitz, den Sohn von Shoah-Überlebenden und – für die Moderation – deren gemeinsamen langjährigen Freund, den Schauspieler Rolf Becker, eingeladen hatte.Das Trio sprach im ausverkauften Kulturzentrum Wabe und zwei Tage später im Hamburger Club!Heim im Schanzenpark (das mit seinen rund 120 Plätzen erheblich zu klein war – einige Besucher erhielten keinen Einlass mehr) über jüdische Erfahrungen im modernen zionistischen Staat und die »Welt von Gestern« (Stefan Zweig). »Mein Vater war Kantor, ich habe Klavierspielen gelernt. Ich hatte eine schöne Kindheit« – bis der NS-Terror ihre Geburtsstadt Saarlouis erreichte und für sie der Albtraum von Verfolgung und KZ begann, erinnerte sich Bejarano.

Nach der Befreiung wollte die »glühende Zionistin«, die sie damals noch war, »keine Minute länger mehr im Täterland bleiben«. Ihre »große Hoffnung«, in Palästina gemeinsam mit der arabischen Bevölkerung »ein blühendes Land aufzubauen«, sei schon bei der Einreise bitter enttäuscht worden: »Wie man uns aufgenommen hatte, war eine Katastrophe«, sagte Bejarano. Die dort bereits lebenden Zionisten seien den Holocaust-Überlebenden nicht nur mit Verachtung begegnet – sie hätten sie sogar der Nazi-Kollaboration verdächtigt. »Die Shoah-Opfer verkörperten das als nicht wehrhaft geltende diasporische Judentum, das der Zionismus mit seinem Idealbild des ›Muskeljuden‹ zu überwinden trachtete«, erklärte Moshe Zuckermann.

Die Diskriminierung der Palästinenser, die israelischen Angriffskriege – für Bejarano Gründe genug, sich vom Judenstaat abzuwenden. 1960 ging sie schweren Herzens wieder nach Deutschland zurück. Im selben Jahr reiste Moshe Zuckermann mit seiner Familie erstmals in die BRD, die er nach der Schulzeit und Abitur wieder verlassen sollte.

Was für ihn wegen der deutschen Vergangenheit bis heute »vertraute Unheimat« geblieben ist, kann für Bejarano keine Heimat werden – »solange hier noch Nazis herumlaufen«, betonte die 92-Jährige, die bis heute aktive Antifaschistin und beunruhigt über den gegenwärtigen Rechtstrend ist. Eine Entwicklung, die Moshe Zuckermann auch in seinem Land beobachtet: Israel bewege sich »immer mehr in Richtung Rechtsradikalismus und Faschismus«, es drohe zu einem Apartheid-Regime zu verkommen – und er resümierte: »Denk ich an Israel in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.«

Entsprechend wenig Verständnis zeigte Zuckermann für die hierzulande bis tief in die Linke hinein wütende, sogenannte Israelsolidarität. Nicht zuletzt weil sie mit aggressiven Hass-Kampagnen gegen Juden gepaart sei, die sich der diasporischen kritischen Theorielinie Heine – Marx – Adorno und nicht der Okkupationspolitik israelischer Regierungen und der »deutschen Staatsräson« verpflichtet fühlen. »Wer Judentum und Israel nicht unterscheidet, begeht großen Verrat an einer großen jüdischen humanistischen Tradition«, mahnte Zuckermann. Er meinte jene nahezu ausgelöschte jüdische Welt, deren Wesen der Philosoph Max Horkheimer einst eine ausgeprägte »Weigerung« bescheinigt hatte, »Gewalt als Argument der Wahrheit anzuerkennen«. Statt sich anzumaßen, beurteilen zu dürfen, wer ein richtiger und wer ein falscher Jude sei, was heute viele Deutsche, »Nachfolger der Tätergeneration«, für selbstverständlich hielten, gelte es, ergänzte Rolf Becker in seinem Schlusswort, sich an dem von Adorno formulierten »neuen kategorischen Imperativ« zu orientieren: alles zu tun, damit Auschwitz sich nicht wiederhole und nichts Ähnliches geschehe.

Der israelische Filmemacher Dror Dayan und M&R-Chefredakteurin Susann Witt-Stahl haben die Veranstaltungen in Berlin und Hamburg mit Esther Bejarano, Moshe Zuckermann und Rolf Becker dokumentiert.



Laufzeit: 121 Minuten