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Siegfried Prokop "Ich bin zu früh geboren"

Verlag Dietz Verlag Berlin
Art.Nr. 938351
14,90€ 10,00€
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Auf den Spuren Wolfgang Harichs.

Prokops gut recherchierte Biographie des linken Intellektuellen Harich liest sich spannender als ein Roman. Harich, 1923 in Königsberg geboren, wird früh zu intellektueller Auseinandersetzung angeregt und begeistert sich schon als Schüler für die Philosophie Eduard Sprangers und Nicolai Hartmanns. Durch die widerständische Haltung seiner Familie gegenüber dem aufkommenden NS-Regime zu unangepaßtem Verhalten ermutigt, mußte er mehrmals die Schule wechseln. Die beißende Ironie, mit der er in einem Abituraufsatz nachweist, daß Kleists "Hermannsschlacht" einzig und allein den Namen deutsch verdiene, weil sie gezeigt habe, daß im Kampf gegen den Feind alle Mittel und jede Brutalität erlaubt sei, war selbst der Privatschule zu viel und führte zu seinem Ausschluß vom Abitur - wegen "geistiger Unreife". Während des Kriegs desertiert er, taucht ab in den Widerstand und bekommt dadurch nach 1945 Kontakt zur Gruppe der Antifaschisten um Walter Ulbricht. Anläßlich der Parteifusion von KPD und SPD formuliert er offen sein Ideal einer Synthese von Bolschewismus und westlicher bürgerlich-liberaler Demokratie in einem neutralen Deutschland. Auf dem ersten deutschen Schriftstellerkongreß beeindruckte er als jüngster Redner mit einer kritischen Analyse der "deutschen Innerlichkeit". Seine Kultur des Widerspruchs sollte schon im Vorfeld des Kalten Krieges auf den Unwillen von Dogmatikern linker und rechter Couleur stoßen. 1951 wird Harich Dozent für Philosophiegeschichte an der Humboldt-Universität, nebenberuflich ist er als Chefredakteur der "Deutschen Zeitschrift für Philosophie" und stellvertretender Cheflektor im Aufbau-Verlag tätig. Als gefragter Brief- und Gesprächspartner von Bloch, Brecht und Lukács wurde er 1956 zum Hauptsprecher der intellektuellen Opposition in der DDR. In seiner Berliner Wohnung brachte der 32jährige Harich 50seitige Alternativprogramme zu Papier, die Walter Ulbricht schlaflose Nächte bereiteten: das "Memorandum" an Sowjetbotschafter Puschkin und die "Plattform" für einen Sturz Ulbrichts, die Entstalinisierung der DDR und eine demokratische Wiedervereinigung Deutschlands. Harich und seine Mitstreiter, die ihr Vorhaben als "Roten 20. Juli" verstanden, scheiterten Ende November 1956. Acht Jahre Bautzen folgten für Harich. Ab 1965 beschäftigt er sich mit Fragen der politischen Ökologie, was 1989 in den Programmentwurf "Nochmals: Die Grünen der DDR und die deutsche Frage" mündet. 1995 schreibt der Vorstand der Alternativen Enquête-Kommission anläßlich seines Todes: "Im Gedenken an den leidenschaftlichen, unbeugsamen Streiter für ein geeintes, besseres Deutschland. Wolfgang Harich." - Die aufregendste politische Vita der letzten Zeit.

Claudia Bruns (CB)

Mängelexemplar
318 S.